Magdalena im Pelz Ein Besuch im Bayerischen Nationalmuseum Durch die nebelgefüllten Häuserschluchten des nächtlichen Münchens bahnte sich ein Taxi den Weg zum Bayerischen Nationalmuseum, dessen Pforten für Besucher längst geschlossen waren. Nicht aber für diesen speziellen Besucher, der nun dem plumpen Leib des Taxis entstieg, dem Chauffeur achtlos eine viel zu hohe Banknote durch das herabgekurbelte Fenster reichte und sich dann ohne zu klopfen oder zu klingeln vor das schwere Tor stellte – abwartend, schweigend, den Kopf gesenkt. Langsam öffnete sich das Tor, ein matter Lichtschein beleuchtete die hagere Gestalt des Professor Pestlein, der direkt aus Neuengland ins ferne Old Europe gereist war, um dem Rätsel der Magdalena im Pelz nachzuforschen. Dieses lebensgroße Standbild aus Eichenholz, das im 16. Jahrhundert von dem wahnsinnigen Bildhauer Adelbert Z. aus Ingolstadt erschaffen worden war, stellte die heilige Magdalena dar, die sich kurz vor ihrem Tod in die Wälder begeben hatte, um dort Buße für ihr ruchloses Leben als Dirne, Waschweib und Erfinderin des Catwalk zu tun. Der Legende nach wuchs ihr kurz vor ihrem Ende ein dichtes Fell. Warum das so war weiß keiner, doch hat diese Merkwürdigkeit allerlei Künstler in ihrer Darstellung inspiriert, so eben auch Adelbert Z., der in einem Narrenturm in seiner Heimatstadt endete. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: »Die Großen Alten! Sie reisen durch das Nichts zu unserer Weltensphäre um uns ihrer Macht zu unterwerfen. Oh Cthulhu niargen Amaßbier niäht wagnagtag!«. Mit diesen seltsamen und beängstigenden Worten verging der große Künstler indem er mit dem Kopf eines fränkischen Irrenwärters ein Loch in die Mauern des Narrenturmes hämmerte, durch das er sich in den Tod stürzte. Angelockt durch das geheimnisvolle Kunstwerk und die merkwürdigen Worte des längst gestorbenen Künstlers war nun eben Professor Pestlein heran gereist, um Licht in das Mysterium zu bringen. Howard Pestlein war nicht nur als Kunstkenner und Fachmann für seltsame Kulte bekannt, sondern auch als großes Arschloch. So stieß er den Münchner Kurator des Museums, der ihm geöffnet hatte und nun die Hand reichen wollte, zur Seite und trat unwirsch schnaubend in die ehrwürdigen Hallen. »Wo lang?«, stieß er auf Englisch hervor. »Hier lang!«, wurde ihm auf bayrisch geantwortet. Bald standen die beiden gelehrten Männer vor dem Standbild. Professor Pestlein forderte mit barscher Stimme: »Mehr Licht!« Der Kurator, der längst die Beleuchtung auf volle Stärke gedimmt hatte, fasste vorsichtig an die Nase Pestleins und nahm ihm die Sonnenbrille ab. Dieser schüttelte sich verärgert, grunzte und stand dann still: minutenlang, stundenlang. Dann wandte er sich dem Kurator zu. Sein Gesicht war so bleich wie der Schädel Adelbert Z.´s in dessen Ingolstädter Gruft. »Die tragen ja Schuppen«, sagte er mit zitternder Stimme und deutete auf die hölzernen Engel, die in Magdalenas Hintergrundfassung eingeschnitzt waren. »Fischschuppen!«, flüsterte er voller Grauen. »Ist recht«, antwortete der Kurator, drehte sich um und verließ eilenden Schrittes das Museum, da er heute noch zu seinem Stammtisch im Augustiner wollte, um dort an einer schönen Partie Schafkopfen teilzunehmen. Pestlein war allein. Er musterte unbehaglich seine Umgebung. Hier stand eine alte Ritterrüstung, dort hing ein alter Feuerlöscher. Dort zuckte etwas in den Schatten. Eine Vitrine zerbrach. Nein – es war nur der verdammte Tinnitus, der den Gelehrten immer dann quälte, wenn er auf etwas Grauenerregendes gestoßen war. Schwere Schritte schleppten sich näher. Dem Professor brach kalter Schweiß aus. Er hyperventilierte. Er besudelte sich. Sein Handy fiel ihm herab und zerbarst auf dem kalten Marmor. Etwas kam näher. »I woaß ja selber net... I kenn doch den Raum scho seit Ewigkeiten. Und die bläde Magdalena mit ihren Zotteln und den depperten Fischengeln ah. Wo der da jetzt herkummt, woaß I gwiss net.« Der Wärter zitterte am ganzen Leib. Ihm war schlecht. Aber nicht vor Angst und Entsetzen, sondern weil von dem Kurator, der schwankend vor ihm stand, ein durchdringender Geruch ausging, der nur von einer Mischung aus Bier, Obstler und Radi herrühren konnte. »Ja, guter Mann, wie erklären wir dann das?«, fragte der Kurator und deutete auf die seltsame hölzerne Statue, die direkt neben der Magdalena stand – aber gestern noch nicht dagewesen war. Sie stellte einen unsympathisch aussehenden Mann dar, der genau die Züge des Gelehrten Pestlein trug. Nur dass diese von Entsetzen verzerrt waren. Wie die Magdalena war auch dieses wundersame Kunstwerk von einem hölzernen Pelz bedeckt. Zu seinen Füßen lag etwas, das ein zerborstenes geschnitztes Handy sein mochte. Mitzie Steinacker |